Der Digitale Produktpass (DPP): Was Unternehmen jetzt wissen müssen

Von

Jan Kittelberger

Lesedauer: 8-10 Minuten

Eine neue Ära der Produkttransparenz

Ab 2027 wird der Digitale Produktpass (DPP) für erste Produktgruppen in der Europäischen Union verpflichtend. Was zunächst wie eine weitere regulatorische Hürde erscheint, ist in Wahrheit ein fundamentaler Paradigmenwechsel: Produkte erhalten einen „digitalen Ausweis", der ihren gesamten Lebenszyklus – von der Rohstoffgewinnung bis zum Recycling – transparent dokumentiert.

Für produzierende Unternehmen bedeutet dies: Wer seine Produktdaten nicht im Griff hat, wird ab 2027 ein massives Compliance-Problem bekommen. Wer jedoch jetzt handelt, kann aus der Pflicht eine Chance machen – für effizientere Prozesse, bessere Kundenbindung und echte Wettbewerbsvorteile.

Was ist der Digitale Produktpass?

Der Digitale Produktpass ist ein standardisiertes, digitales Datenset, das umfassende Informationen über ein Produkt bereitstellt. Er ist das zentrale Instrument der EU-Ökodesign-Verordnung (ESPR – Ecodesign for Sustainable Products Regulation, Verordnung (EU) 2024/1781), die am 18. Juli 2024 in Kraft getreten ist.

Rechtliche Grundlage

  • Verordnung (EU) 2024/1781 (ESPR) – Rahmenverordnung für nachhaltige Produkte
  • Verordnung (EU) 2023/1542 – Batterieverordnung (bereits in Kraft)
  • Verordnung (EU) 2024/3110 – Bauproduktenverordnung (CPR)
  • Weitere produktspezifische delegierte Rechtsakte ab 2026

Welche Informationen muss der DPP enthalten?

Der DPP muss – je nach Produktgruppe – folgende Daten bereitstellen:

  • Produktidentifikation: Eindeutige Kennungen (GTIN, Seriennummern, QR-Codes)
  • Materialzusammensetzung: Rohstoffe, Recyclinganteil, kritische Materialien
  • Herstellungsinformationen: Produktionsstandorte, Lieferkette, CO₂-Fußabdruck
  • Leistungsmerkmale: Haltbarkeit, Energieeffizienz, Reparierbarkeit
  • Nutzungshinweise: Bedienungsanleitungen, Wartungsintervalle, Sicherheitshinweise
  • End-of-Life: Recyclingfähigkeit, Entsorgungshinweise, Demontageanleitungen

Wichtig: Die Daten müssen „richtig, vollständig und auf dem neuesten Stand" sein (Artikel 9 ESPR). Der DPP fungiert damit als Nachweis für die Erfüllung der Leistungsanforderungen – und als Grundlage für Marktüberwachung und Compliance-Prüfungen.

Wann wird der DPP Pflicht? Der Zeitplan im Überblick

Die Einführung des DPP erfolgt schrittweise. Die ESPR ist seit Juli 2024 in Kraft, die konkreten Anforderungen für einzelne Produktgruppen werden jedoch durch delegierte Rechtsakte festgelegt – und diese kommen ab 2026.

2024: ESPR tritt in Kraft; erste delegierte Rechtsakte werden vorbereitet
2026: Erste delegierte Rechtsakte für Textilien, Batterien, Elektronik erwartet
2027: DPP wird für erste Produktgruppen verpflichtend (18 Monate nach Inkrafttreten der delegierten Rechtsakte)
2028–2030: Sukzessive Ausweitung auf weitere Produktkategorien (Maschinen, Bauprodukte, Chemikalien, etc.)

Wichtig: Auch wenn Ihre Produktgruppe erst 2029 oder 2030 betroffen ist – die Vorbereitungszeit ist knapp. Datenaufbau, Systemintegration und Lieferkettenabstimmung dauern in der Praxis 12–24 Monate.

Was passiert bei Nicht-Konformität? Risiken und Sanktionen

Die ESPR ist eine EU-Verordnung – sie gilt unmittelbar in allen Mitgliedstaaten, ohne nationale Umsetzungsgesetze. Das bedeutet: Die Anforderungen sind verbindlich, und Verstöße haben konkrete Konsequenzen.

Rechtliche Konsequenzen

  1. Inverkehrbringungsverbot
    Produkte ohne gültigen DPP dürfen nicht in Verkehr gebracht oder in Betrieb genommen werden (Artikel 9 ESPR). Das bedeutet: Keine CE-Kennzeichnung, kein Marktzugang.
  2. Marktüberwachung und Kontrollen
    Nationale Marktüberwachungsbehörden prüfen stichprobenartig die Einhaltung. Bei Verstößen drohen:
    1. Produktrückrufe  
    2. Verkaufsstopps  
    3. Bußgelder (Höhe wird national festgelegt, orientiert sich aber an DSGVO-Niveau)
  3. Haftungsrisiken
    Falsche oder unvollständige Angaben im DPP können zu Haftungsansprüchen führen – insbesondere wenn Sicherheits- oder Umweltinformationen fehlen oder irreführend sind.
  4. Reputationsschäden
    In einer zunehmend transparenten Wirtschaft werden Compliance-Verstöße öffentlich. Kunden, Partner und Investoren erwarten Nachhaltigkeit – wer nicht liefert, verliert Vertrauen und Marktanteile.

Wirtschaftliche Risiken

Über die rechtlichen Konsequenzen hinaus entstehen erhebliche wirtschaftliche Risiken:

  • Lieferverzögerungen: Fehlende DPP-Daten blockieren Warenströme an EU-Grenzen
  • Verlust von Aufträgen: Öffentliche Auftraggeber und Großkunden fordern DPP-Konformität als Voraussetzung
  • Höhere Kosten: Nachträgliche Datenerhebung und System-Retrofits sind 3–5x teurer als geplante Einführung
  • Wettbewerbsnachteile: Konkurrenten, die früher starten, sichern sich Marktvorteile

Warum zentrales Datenmanagement unverzichtbar ist

Der DPP ist im Kern ein Datenmanagement-Problem. Die größte Herausforderung für Unternehmen ist nicht die technische Bereitstellung (QR-Code, API, Portal), sondern die Frage: Woher kommen die Daten – und wie stelle ich sicher, dass sie richtig, vollständig und aktuell sind?

Die typischen Daten-Probleme in Unternehmen

  1. Datensilos
    Produktdaten liegen verstreut in ERP, PLM, Excel, PDFs, E-Mails. Niemand hat den Überblick, welche Informationen wo aktuell sind.
  2. Inkonsistente Daten
    Technische Daten in PLM, Marketing-Texte im CMS, Compliance-Infos in Excel – oft widersprechen sich die Quellen.
  3. Fehlende Lieferkettendaten
    Informationen zu Rohstoffen, CO₂-Fußabdruck oder Recyclingfähigkeit liegen bei Zulieferern – und werden nicht systematisch erfasst.
  4. Manuelle Prozesse
    Datenblätter werden manuell erstellt, Übersetzungen per E-Mail koordiniert, Aktualisierungen vergessen. Das skaliert nicht.
  5. Keine Versionierung
    Welche Produktversion hat welche Materialzusammensetzung? Wann wurde was geändert? Oft fehlt die Nachvollziehbarkeit.

Die Lösung: Product Information Management (PIM)

Ein PIM-System ist die zentrale Datenplattform für alle produktbezogenen Informationen. Es fungiert als „Single Source of Truth" und löst die oben genannten Probleme systematisch:

  • Zentrale Datenhaltung: Alle Produktdaten an einem Ort – strukturiert, versioniert, nachvollziehbar
  • Datenqualität: Validierungsregeln, Pflichtfelder, Konsistenzprüfungen stellen Vollständigkeit sicher
  • Multi-Channel-Fähigkeit: Daten können für DPP, Webshop, Katalog, Datenblätter, ERP ausgeleitet werden
  • Lieferkettenintegration: Schnittstellen zu Zulieferern, automatisierte Datenübernahme, Freigabe-Workflows
  • Compliance-Sicherheit: Normen, Zertifikate, Sicherheitsdatenblätter können direkt verknüpft werden
  • Skalierbarkeit: Egal ob 100 oder 100.000 Produkte – das System wächst mit

PIM als Backbone für den DPP

Ein PIM-System ist nicht der DPP selbst – aber es ist die unverzichtbare Grundlage. Der typische Aufbau sieht so aus:

  1. Datenquellen → PIM
    ERP, PLM, Lieferanten, Labore, Zertifizierungsstellen liefern Daten ins PIM
  2. PIM = Daten-Backbone
    Validierung, Anreicherung, Übersetzung, Freigabe, Versionierung
  3. PIM → DPP-Plattform
    Strukturierte Datenausgabe an DPP-Service-Provider oder eigene DPP-Lösung
  4. DPP-Plattform → Zugriff
    QR-Code, API, Portal für Kunden, Behörden, Recycler, Partner

Praxisbeispiel

Ein Maschinenbauer mit 5.000 Produktvarianten führt ein PIM-System ein. Ergebnis nach 12 Monaten:

  • Datenqualität steigt von 60% auf 95% Vollständigkeit
  • Zeit für Datenblatt-Erstellung sinkt von 4 Stunden auf 15 Minuten
  • DPP-Readiness für erste Produktgruppen erreicht
  • Nebeneffekt: Webshop-Conversion steigt um 18% (bessere Produktdaten)

Was Unternehmen jetzt tun sollten: 5-Schritte-Roadmap

Schritt 1: Betroffenheit klären

Fragen Sie sich:

  • Welche unserer Produkte fallen unter die ESPR?
  • Wann kommen die delegierten Rechtsakte für unsere Branche?
  • Exportieren wir in die EU oder produzieren wir dort?

Tipp: Auch Schweizer, UK- oder US-Unternehmen sind betroffen, wenn sie in die EU liefern. Die ESPR gilt für alle Produkte, die im EU-Binnenmarkt in Verkehr gebracht werden.

Schritt 2: Dateninventur durchführen

Erfassen Sie den Status quo:

  • Welche Produktdaten haben wir bereits?
  • Wo liegen sie (Systeme, Formate, Verantwortlichkeiten)?
  • Welche DPP-Anforderungen können wir heute schon erfüllen?
  • Wo sind die größten Lücken?

Ergebnis: Gap-Analyse mit priorisierten Handlungsfeldern

Schritt 3: Datenmanagement-Strategie entwickeln

Entscheiden Sie:

  • Brauchen wir ein PIM-System? (Antwort: Ja, wenn Sie >500 Produkte oder komplexe Varianten haben)
  • Welche Systeme müssen integriert werden (ERP, PLM, CRM, Webshop)?
  • Wie binden wir Lieferanten ein?
  • Wer ist intern verantwortlich (Daten-Governance)?

Tipp: Starten Sie mit einem Pilotprojekt (z. B. eine Produktfamilie) statt einem Big-Bang-Ansatz.

Schritt 4: IT-Systeme anpassen und integrieren

Technische Umsetzung:

  • PIM-System auswählen und implementieren
  • Schnittstellen zu ERP, PLM, Lieferanten aufbauen
  • Datenmodell für DPP-Anforderungen erweitern
  • Workflows für Freigabe, Übersetzung, Aktualisierung definieren
  • DPP-Plattform anbinden (oder eigene Lösung entwickeln)

Zeitrahmen: 6–12 Monate, je nach Komplexität

Schritt 5: Prozesse etablieren und skalieren

Langfristige Sicherstellung:

  • Schulung der Mitarbeiter (Produktmanagement, Vertrieb, Technik)
  • Regelmäßige Datenqualitäts-Audits
  • Monitoring der regulatorischen Entwicklungen
  • Kontinuierliche Erweiterung auf neue Produktgruppen

Ziel: DPP-Konformität wird Teil des Standard-Produkteinführungsprozesses

Über Compliance hinaus: Die Chancen des DPP

Der DPP ist mehr als eine Pflichtübung. Unternehmen, die ihn strategisch nutzen, erschließen neue Potenziale:

  1. Wettbewerbsvorteil durch Transparenz
    Kunden (B2B wie B2C) fordern zunehmend Nachhaltigkeitsnachweise. Wer diese liefern kann, gewinnt Aufträge.
  2. Effizienzgewinne
    Saubere Produktdaten reduzieren Fehler, beschleunigen Prozesse (Angebotserstellung, Ersatzteilservice, Reklamationen) und senken Kosten.
  3. Neue Geschäftsmodelle
    DPP-Daten ermöglichen Services wie Predictive Maintenance, Product-as-a-Service, Rücknahmesysteme, Refurbishment-Programme.
  4. Bessere Kundenbindung
    Transparenz schafft Vertrauen. Kunden, die Produktinformationen einfach abrufen können, sind zufriedener und loyaler.
  5. Risikominimierung
    Vollständige Lieferkettentransparenz hilft, Risiken (Lieferausfälle, Compliance-Verstöße, Reputationsschäden) frühzeitig zu erkennen.

Fazit: Jetzt handeln, nicht abwarten

Der Digitale Produktpass kommt – das ist keine Frage des „Ob", sondern des „Wann". Unternehmen, die jetzt beginnen, ihre Produktdaten zu strukturieren und ein zentrales Datenmanagement aufzubauen, haben drei entscheidende Vorteile:

  1. Compliance-Sicherheit: Sie erfüllen die gesetzlichen Anforderungen rechtzeitig und vermeiden Sanktionen.
  2. Effizienz: Geplante Einführung ist 3–5x günstiger als Notfall-Retrofits unter Zeitdruck.
  3. Wettbewerbsvorsprung: Sie nutzen DPP-Daten als strategisches Asset, nicht nur als Pflichtübung.

Die Erfahrung zeigt: Unternehmen, die Datenmanagement ernst nehmen, profitieren weit über Compliance hinaus. Ein PIM-System ist dabei nicht Selbstzweck, sondern das Fundament für digitale Geschäftsprozesse, Kundenzufriedenheit und nachhaltige Wertschöpfung.

Der Zeitplan läuft. Die Frage ist nicht, ob Sie den DPP umsetzen – sondern wie gut vorbereitet Sie sind, wenn es ernst wird.

Nächste Schritte

Sie möchten wissen, wie gut Ihr Unternehmen auf den Digitalen Produktpass vorbereitet ist? Wir unterstützen Sie mit:

  • DPP-Readiness-Check: Analyse Ihrer Datenlandschaft und Gap-Identifikation
  • PIM-Beratung: Auswahl und Implementierung der passenden Lösung
  • Datenmanagement-Strategie: Aufbau skalierbarer Prozesse für langfristige Compliance

Kontaktieren Sie uns für ein unverbindliches Erstgespräch.

Quellen und weiterführende Informationen

  1. Verordnung (EU) 2024/1781 (ESPR) – Ökodesign für nachhaltige Produkte - https://eur-lex.europa.eu/eli/reg/2024/1781/oj/eng
  2. Europäische Kommission: Ecodesign for Sustainable Products Regulation - https://commission.europa.eu/energy-climate-change-environment/standards-tools-and-labels/products-labelling-rules-and-requirements/ecodesign-sustainable-products-regulation_en
  3. Digitaler Produktpass – Wikipedia (Übersicht und Zeitplan) - https://de.wikipedia.org/wiki/Digitaler_Produktpass
  4. Fraunhofer IPK: Was ist ein Digitaler Produktpass? - https://www.ipk.fraunhofer.de/de/kompetenzen-und-loesungen/industrietrends/kreislaufwirtschaft/digitaler-produktpass-dpp.html
  5. KPMG: Digitaler Produktpass – Transparenz und Compliance - https://kpmg.com/de/de/home/themen/2025/12/digitaler-produktpass-so-koennen-sich-unternehmen-einen-vorsprung-sichern.html
  6. VCI: Der Digitale Produktpass (DPP) - https://www.vci.de/themen/europa/europa/der-digitale-produktpass-dpp-oekodesign-verordnung-der-eu.jsp